|
AUSWEG KARATSCHI |
||||
|
Leseprobe Kapitel 7: Iran, Jürgens Schicksalsland
|
||||
|
Benommen schwankt Jürgen in der kleinen Stadt Takestan aus dem Auto. Ein hundsgemeiner Kopfschmerz droht seinen Schädel zu zersprengen. Abwesend blinzelt er ins grelle Sonnenlicht und bemerkt verwundert, dass sich niemand blicken lässt. Schon schnauzt der hinzukommende Harry ungeduldig: " Warum ist keiner da? Wo stecken die Strolche?" " So kurz nach Mittag pennt hier alles", antwortet Jürgen matt. " Pah, die wecke ich schon ", prahlt Harry. Ehe ihn die beiden anderen daran hindern können, hat er durchs geöffnete Fenster seines Wagens gelangt und schon unterbricht ein lang anhaltender Hupton fordernd die bewegungslose Stille des Heißen Tages. " Mensch hör' auf, mein Kopf platzt! " stöhnt Jürgen. |
||||
| Der Höllenlärm ist nicht unbeachtet geblieben, denn ein junger ungewaschener Kerl schlurft unlustig herbei. Fortwährend gähnend beginnt er mit einer Handpumpe das erste Auto aufzutanken. Indes wird Jürgens rasender Kopfschmerz immer unerträglicher. Er braucht unbedingt ein Glas Wasser, um Pillen herunterzuspülen. Deshalb räuspert er sich dezent, damit der Bursche Notiz von ihm nehmen möge. Da keine Reaktion erfolgt, tritt er dicht an den verschlafenen Tankwart heran und bittet so freundlich, wie er es in seinem miserablen Zustand fertig bringt: "Wasser, bitte! " Wiederum wird er keines Blickes gewürdigt. Vermutlich ist der junge Mann einfach zu bequem, ein Glas Wasser zu holen. - Was ist das für ein elendes Räubernest hier! - räsoniert Jürgen. - Habe bisher noch nie erlebt, dass mir im Orient mitten in der Wüste als Willkommensgeste nicht nicht automatisch Wasser angeboten wird. Bei solcher Gastfreundschaft muss sich der olle Mohammed im Grabe umdrehen! - Seine Stimme wird dringlicher und deutliche Nuancen schärfer: " Wasser, aber sofort! " | ||||
| Eine vage Gebärde ist das einzige Resultat. Sehr unbestimmt wedelt die freie Hand des Angesprochenen nach rechts. Unter normalen Umständen hätte Jürgen wegen der rüden Behandlung energisch protestiert, aber die stechende Pein unter seiner Schädeldecke unterbindet jegliches Aufbegehren. Er spürt nichts als das übermächtige Verlangen, den zermürbenden Schmerz endlich loszuwerden. Nur schnell runter mit dem Tablettenzeug. Die sind so stark, die wirken sofort. Das weiß er aus Erfahrung. Dort ist ja auch die einzige Tür, die das unsympathische Schwein gemeint haben könnte. Jürgen torkelt in einen halbdunklen Raum. Nur schwer gewöhnen sich seine eben noch von gleißender Sonne geblendeten Augen an das Dämmerlicht. Undeutlich registriert er aufgestapelte Kanister und ganz hinten in der Ecke eine männliche Person vor der Wasserleitung. Der Weißhaarige hält einen Topf, in den eine klare Flüssigkeit. Kein Zweifel, das muss das ersehnte Wasser sein. Sich vorsichtshalber noch einmal vergewissernd fragt Jürgen: " Wasser??" Anfangs erntet er nur verständnisloses Grinsen. Schließlich rafft sich aber der Befragte doch zu einem unverkennbaren Kopfnicken auf. Behutsam, ohne durch die Nase zu schnuppern, schiebt sich Jürgen die erste, sehr bittere Pille zwischen die Zähne. Vom alles dominierenden Kopfweh ist sein ganzes Ich derart ausgefüllt, dass ihm das pervers- lüsterne Interesse des alten Mannes, der jede Bewegung des fremden Eindringlings förmlich verschlingt, total entgeht. In Ermangelung eines Glases formt Jürgen beide Hände zu einer Schale, füllt soviel Flüssigkeit hinein wie sie zu fassen vermögen und spült die Pille herunter in einem gewaltigen Zug, der selbst einem bajuwarischen Biertrinker alle Ehe gemacht hätte. Jählings beginnt er zu würgen und heftig auszuspucken. Pures Feuer brennt in seinem Rachen und rinnt die Luftröhre herunter! Dolchstöße fahren schmerzhaft in seinen Eíngeweiden herum! Ekliger Geschmack steigt die wie zugeschnürte Kehle hinauf! Panisches Entsetzen lähmt ihn, während er von chaotischer Furcht gelähmt wird. " Mein Gott, was ist passiert?!" flüstert er angsterfüllt, während ihm die bittere Wahrheit dämmert: | ||||
| " Verflucht und zugenäht, das war Benzin, ich habe gerade 'ne Riesenladung gesoffen!! " | ||||
| Wieherndes Gelächter verfolgt ihn, als er aufgelöst nach draußen stürzt. Der einfältige Einheimische empfindet unbändigen Spaß, einen ungläubigen Ausländer erlebt zu haben, der puren Treibstoff schluckt. Jürgen ist völlig durcheinander. War das nicht die absolute Katastrophe? Ein solches Malheur in einem Wüstennest fern menschlicher Zivilisation und Hygiene. Wo lag dieses vergammelte Takestan überhaupt? Auf der Karte hatte er es nicht einmal gefunden. Würde es in der Nähe ein Krankenhaus oder wenigstens einen Arzt geben? Das Teufelszeug muss schleunigst wieder aus seinem Magen heraus. Auf solche saublöde Art will er dann doch nicht krepieren! Dieter bemerkt sein verstörtes Gesicht zuerst: " Wie siehst du bloß aus? Bist ja ganz grün angelaufen. " Jürgen keucht gepresst: " Schnellstens weg von hier. Wir müssen ins Krankenhaus. Habe aus Versehen Benzin geschluckt!" | ||||
| " Heiliger Strohsack! " entringt es sich Dieter. Er stellt aber keine zeitraubenden Fragen, sondern saust mit Jürgen zum weißen Mercedes, der bereits aufgetankt ist. Harry nimmt von der ganzen Aufregung nichts wahr, weil er missbilligend den lahmen Tankwart fixiert. Im Vorüberrasen streift Jürgens Blick ebenfalls den trägen Unglückskerl, welcher ihm in seiner augenblicklichen Verfassung die Verkörperung aller Schlechtigkeit im Universum zu sein scheint. Dieser faule Spitzbube mit der miesen Visage ist allein Schuld an dem Debakel. Voll kochender Wut will er dem Ahnungslosen an den Kragen. " Du Drecksau! " brüllt er heiser. " Wo hast du mich hingeschickt, statt mir Wasser zu bringen?! Du.." Röchelnd versagt ihm die Stimme. Widerlichster Benzingeschmack drückt ihm die Kehle zu. Übelkeit überschwemmt ihn. " Los ins Auto, meine Stimme versagt! " krächzt er mühselig. Aufheulend saust ausnahmsweise der weiße Mercedes davon. So dynamisch ist Dieter bisher noch nie gestartet. Der verblüffte Harry ruft aufgebracht hinterher: " Halt, wo wollt ihr hin? Ich habe doch kein Geld, um zu bezahlen!" | ||||
| " Ins Krankenhaus, ins nächste Krankenhaus! " echot Dieter im Entschwinden hervor. Er rast als ginge es um sein eigenes Leben... Nach knapp einem Kilometer muss er mitten im Ort abrupt bremsen, denn in einer Nebenstraße plaudert eine kleine Männerschar. Im Laufschritt eilt er zu ihnen und ruft schon aus einigen Metern Abstand: "Hospital! " Mit fiebrig glänzenden Augen verfolgt Jürgen aus dem Wagen das Bemühen Dieters. - Mach schneller! - möchte er ihn antreiben. - Die Zeit vergeht und ich habe immer noch dieses abscheuliche Gift im Leib. Eine Gestalt löst sich aus der Gruppe und kommt mit Dieter herbeigeeilt: " Nächstes Hospital liegt dreißig Kilometer von hier in Ghasvin. Das ist eine große Stadt. " klingt es im verständlichen Englisch an Jürgens Ohr. " Ich fahre besser mit. Zeige euch den Weg. Wohne in Ghasvin." | ||||
| In einhüllender Teilnahmslosigkeit lässt Jürgen sich auf den Rücksitz bugsieren. Die Türen schlagen krachend zu. Weiter geht die wilde Jagd. Dieter holt das Letzte aus dem Motor und vollbringt waghalsige Überholmanöver wie nie zuvor. Währenddessen überwältigt Jürgen lähmende Apathie. Er hat zunehmend Schwierigkeiten, Realität und Schein von einander zu trennen. Was ist eigentlich mit ihm? War wirklich etwas Furchtbares hereingebrochen? Oder träumt er nur? Ein böser Alp, von dem es bald ein befreiendes Erwachen gäbe? Vielleicht spult nichts als ein aufregender Film vor ihm ab. Ist er wirklich die Hauptperson? Geht es um sein Leben? Restlos verwirrt sucht er eine fassbare Beziehung zwischen dem Unwohlsein, was ihn verzehrt, und den jüngsten Ereignissen. Doch er findet sie nicht mehr. Taumelig lässt er wechselnde Eindrücke an sich vorüberziehen und strengt sich nicht länger an, sie in Relation zu seinem eigenen erbärmlichen Zustand zu setzen. Hin und wieder richtet er sich schwach auf und erhascht etwas von der Szenerie draußen. Verwischte und unwirklich anmutende Eindrücke: | ||||
| Grelle blendende Helle ... Unendliche Wüste... Entfesseltes Auto... Diesel spuckende LKW-Monster nähern sich bedrohlich. Von weit her besorgtes, unverständliches Flüstern. Eine schwankende Ewigkeit in Übelkeit? Auf einmal Felder, Bäume, Häuser. Ist das nicht die Stadt? Unvermittelt Ende des Rasens. Eine fremde Stimme: " Wir sind da!" Jürgen fängt sich wieder. Angestrengt will er die Situation erfassen. Mechanisch stolpert er den beiden anderen nach, die an einem unüberwindlichen Pförtner scheitern. Noch begreift er nicht genau, was eigentlich los ist, doch dann scheint sich ein Vorhang zu öffnen. Betäubte Lethargie zerstiebt, plötzlich arbeitet sein Gehirn überklar. Der tobende Leibschmerz wird ihm erneut peinvoll bewusst. Gewaltsam reißt er sich zusammen. Jürgen empfindet das zwanghafte Bedürfnis, ins Spiel zu kommen, selbst zu bestimmen, was geschieht. Wie aus Tiefschlaf erwachend erkennt er die Lage mit exakter Eindringlichkeit. Das ist doch das Krankenhaus. Weshalb quatschen die bloß so lange am Portal? Er sollte endlich ohne Verzögerung behandelt werden. Verdammt noch mal geht es denn nicht um sein Leben?! Wiederum meldet sich die fremde Stimme. Nun erinnert es sich auch ganz genau: Das ist ja der hilfsbereite Perser, der in Takestan zu uns ins Auto stieg. Aufmerksam lauscht er dessen Worten: | ||||
| " Hier geht es leider nicht. Es ist nur für Soldaten. Die dürfen keine Zivilisten aufnehmen. Keine Sorge, in der Nähe ein sehr großes Krankenhaus. Wir laufen besser eine Abkürzung. Mit dem Auto fahren viel komplizierter." | ||||
| Jürgens Benommenheit ist endgültig überwunden. Auch die paralysierende, scheußliche Angst weicht. Sein Verstand signalisiert ihm befehlend, selbst das letzte Restchen an Energiereserven zu mobilisieren, um endlich zu einem helfenden Arzt zu finden. Mindestens eine Schrittlänge vor dem freundlichen Perser durch ein Wohnviertel hastend, ordnet er sein Nervenkostüm durch eine nüchtern-optimistische Bilanz: Jetzt nur nicht durchdrehen. Gar kein Grund, zu verzweifeln. Schätzungsweise ist höchstens 'ne halbe Stunde verstrichen, seit ich das Zeug gesoffen habe. ' ne kleine Magenauspumpung und die Sache dürfte geritzt sein. Dann wäre ich dem hiesigen Gevatter Tod auch dieses Mal von der Schippe gesprungen. | ||||
| Weiter geht es durch gepflegte Straßen mit schönen Gärten. Voller Unrast läuft Jürgen nun sogar mehrere Meter voraus. Etliche Male schaut erfragend zurück: " Sind wir noch richtig? " Alles bitte, nur nicht verlaufen! - denkt er. Doch kurz darauf kann Jürgen erleichtert jubeln: " Allah sei Dank, da liegt das Krankenhaus! " | ||||
|
||||